Deutschlands Rolle bei der Entwicklung einer bildungsbasierten Zukunft in Europa

Am 2. November 2015 hatte die Schwarzkopf-Stiftung zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion, "Deutschlands Rolle bei der Entwicklung einer bildungsbasierten Zukunft in Europa" mit Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, geladen. Kaum ein anderes Thema auf der politischen Agenda Deutschlands ist von solcher Bedeutung und gesellschaftspolitscher Brisanz angesichts 7,5 Millionen junger Europäer ohne Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Auch die derzeitige Arbeitslosenquote von in Deutschland "nur" sieben Prozent, während die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen in anderen europäischen Ländern die dagegen bei fast 50 Prozent liegt, macht die Bedeutung langfristiger bildungspolitischer Maßnahmen deutlich. Als Vorbild für erfolgreiche Bildungspolitik könnten aktuell Schweden, Portugal und Polen dienen, die mit speziellen Angeboten für leistungsschwächere Jugendliche die Quote für Ausbildungsabbrecher senken konnte. Doch Frau Wanka machte gleich zu Beginn des Abends in einem ihrer ersten Statements deutlich: Für ihre Zukunft in Europa seien die Jugendlichen vor allem selbst verantwortlich. Eine unmissverständliche Ansage, die Bildungsminsterin Wanka auch zum Ende der Diskussion erneut wiederholte. Dass Frau Wanka sicherlich mit Stolz auf ihren eigenen Lebenslauf als echte "Selfmade-Frau" zurückblickt, ist zwar nachvollziehbar - 1951 in Rosenfeld geboren, wuchs sie in einfachen Verhältnisses auf dem Bauernhof ihrer Eltern auf, da ihre Eltern ihre Mitgliedschaft bei den Pionieren verhinderten, kompensierte Johanna Wanka das Gefühl des Andersseins in jungen Jahren nach eigenen Worten durch Leistung, und der akademische Titel der Professorin für Mathematik sollte erst der Anfang ihrer Karriere bedeuten – dennoch ist es zu einfach, eine ähnliche Leistung pauschal von allen Kindern zu fordern. Denn trotz dieses beeindruckenden Werdegangs war an diesem Abend spürbar, dass dies allein keine beruhigende Vorbildwirkung leisten konnte und sich so mancher junge Erwachsene unter den Anwesenden eine klarere Diskussion gewünscht hätte. Auf die Frage, wie die Bundesministerin die Lehrkräfte in den einzelnen Bundesländern hinsichtlich der steigenden Flüchtlingszahlen unterstützen wolle, antwortete Frau Wanka, dies sei Länder- und nicht Bundeskompetenz. Dabei hatte die Bildungsministerin, die seit Ende Oktober auch Vorsitzende der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) ist, erst kürzlich ein Eine-Milliarde-Euro-Paket beschlossen, um Juniorprofessuren zu unbefristeten Stellen zu verhelfen. Nun rechnen die Grünen in den kommenden Jahren mit rund 5000 Asylbewerbern, die sich für einen Studienplatz in Deutschland bewerben werden. Neben der Finanzierung dieser Studienplätze muss es kurzfristig mehr Infrastruktur und mehr Personal an Universitäten und Fachhochschulen geben. Man muss jetzt dafür Sorge tragen, junge Flüchtlinge in die akademische Ausbildung zu integrieren, damit sich in 15 Jahren keine rechtspopulistische Strömung in der politischen Gesinnung der Bevölkerung darüber beschweren kann, die Flüchtlinge von damals hätten sich nicht integriert und dieses Argument für seine Demokratie-gefährdende Politik missbrauchen kann. Dabei allein auf die Länderkompetenz abzustellen, ist von Frau Wanka ziemlich töricht. In einem Interview mit der Welt hatte die Bildungsministerin vor zwei Wochen gesagt: "Wir müssen in der Spitzenforschung, etwa in der Gesundheitsmedizin oder der Energieforschung, leistungsfähig sein. Davon profitieren wir alle." Um dies zu gewährleisten, wäre eine offene Diskussion von Nöten, die sich nicht nur allseits beruhigender Floskeln bedient, sondern inhaltlich auf den Punkt kommt. Dabei sollte es weniger darum gehen, nach Außen – wenn auch ohne Honorar – Präsenz auf Veranstaltungen für junge Menschen zu zeigen und Fragen wie an diesem Abend nach einer funktionierenden Bildungslandschaft in Deutschland in naher Zukunft nicht als Angriff auf die eigene Position zu verstehen, die Frau Wanka dazu veranlassen, mit ihren Antworten möglichst reibungslos die Sorgen junger Menschen in einem Meer aus leeren Worthülsen sich auflösen zu lassen – so dass am Ende dieses Abends eine Menge begründeter Zweifel an der Bildungspolitk der CDU irgendwie versandeten, ohne dass man das Gefühl hatte, Ernst genommen worden zu sein. Dabei hatte Frau Wanka in einem Interview mit dem Zeit-Magazin einmal so treffend formuliert: "Das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern mitgeben können, ist Selbstbewusstsein." Der Staat als gesellschaftliches Gebilde hat ebenso eine gesellschaftsfördernde Bedeutung ähnlich der Familie inne und muss dafür Sorge tragen, dass Kinder aus bildungsfernen Haushalten, die eben nicht wie Johanna Wanka ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln konnten, vom Staat die nötige Förderung ihrer Bildungsmöglichkeiten erhalten, damit Deutschland langfristig leistungsfähig bleibt. Dabei nutzt es auch nichts, vor der Flüchlingsproblematik mittels begrenzter Einreisemöglichkeiten die Augen zu verschließen.

Friederike Foerster
Klasse J-51